Mir wird schwindlig!

In 22 Jahren gehe ich in Rente, und wie jeder brave Bundesbürger sorge ich dafür vor. Nur manchmal, wenn ich darüber nachdenke, ob mir die Vorsorge auch etwas bringt, wird mir ganz schwindlig.

Was ist unser Geld in 22 Jahren wert? Weil ich nicht weiß, was in 22 Jahren sein wird, blicke ich einfach 22 Jahre zurück. Auch damals neigten die Politiker schon dazu, mehr Geld auszugeben, als sie einnahmen. Die Bundesrepublik war mit umgerechnet gut 250 Milliarden Euro oder 40 Prozent des Bruttosozialprodukts verschuldet.

Seitdem haben sich die Staatsschulden versiebenfacht (!) – auf 1,8 Billionen Euro oder 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das liegt an der Exponentialfunktion von Zins und Zinseszins. Wenn der Finanzminister von heute an keine Zinsen mehr auf seine Staatsschulden bezahlen würde und jeden Monat eine Milliarde Euro zurückzahlen würde, bräuchte er 150 (!) Jahre, um den aufgehäuften Schuldenturm wieder abzubauen. Leider bekommt er in Wahrheit weder ein zinsloses Darlehen, noch hat er in den vergangenen 22 Jahren jemals in einem Monat den Schuldenstand auch nur um eine Million gesenkt.

Warum mich das so ängstigt? Weil es mich an der Werthaltigkeit unseres Geldes zweifeln lässt. Was ist denn unser Geld? Es ist gedrucktes Vertrauen. In einer Art Kettenbriefsystem tauschen wir täglich Schuldscheine eines Schuldners aus, von dem wir wissen, dass er seine Schulden niemals zurückzahlen kann. Wir denken nur nicht darüber nach.

Früher einmal benutzten die Menschen Gold oder Silber als Zahlungsmittel. Das hatte den Vorteil, dass es nicht beliebig vermehrbar war. Dann kamen sie auf den Gedanken, statt Gold oder Silber lieber Schuldscheine auszutauschen, die zum Bezug von Gold oder Silber berechtigten. Das war praktischer und nannte sich Goldstandard. 1971 wurden dann der Goldstandard und die Golddeckung des Geldes abgeschafft. Den Noten stand nun überhaupt kein Wert mehr entgegen. Stattdessen sollten die Zentralbanken garantieren, dass der Wert des Geldes stabil bleibt und Geld nicht beliebig vermehrt wird. Staatsschulden durch Bundesbank oder Europäische Zentralbank (EZB) aufzukaufen war tabu.

Politiker und Notenbanker haben in der Finanzkrise auch diese letzte Hürde gerissen. Sowohl die amerikanische Zentralbank Fed als auch die EZB kaufen mit frisch gedrucktem Geld Abermilliarden an Staatsanleihen auf. Nun steht dem Euro, den Sie in der Tasche haben, gar nichts mehr gegenüber. Noch nicht einmal ein Versprechen. Und ich frage mich, ob das noch 22 Jahre so funktioniert.

Quelle: FOCUS-MONEY-Chefredakteur Frank Pöpsel / http://www.focus.de
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